Bitte zubeißen! Ein Zahnarzt, der den Sitz verbessert?

Sep 15

Bitte zubeißen! Ein Zahnarzt, der den Sitz verbessert?

Das klingt nach schlechtem Witz, ist aber die Lösung vieler Reiterprobleme:

„Wir gelten als Spinner“, sagt Dr. Stefan Kopp, OA der Jenaer Universitäts-Poliklinik für Kieferorthopädie. Es klingt kein bisschen zerknirscht. Dieser Ruf wird sich nämlich bald ändern.“

ZA Kopp wies in 5.132 Fällen nach, dass 80 % aller Rückenleiden direkt mit Kieferproblemen zusammenhängen. 700 Schmerzgeplagte stehen auf seiner Warteliste, darunter Reiter, Siebenkämpfer oder Konzertpianisten.

Sie alle hoffen, dass Kopp samt Team aus Orthopädie, Neurologie, Osteopath und Zahntechniker sie kuriert – mit einer kaum sichtbaren, sieben Gramm leichten Plastikschiene namens Aufbissbehelf oder Jig-Schiene. Für Reiter ist dieses Stück Plastik auf dem Unterkiefer interessant, weil es krumme Schultern, Kreuzweh und steife Becken binnen weniger Wochen in einen geschmeidigen Sitz verwandeln kann.

„Beim Reiten sind Muskeln am Rücken ebenso wie beim Golfen oder beim Geige-Spielen oft einseitig belastet“, so erklärte Prof. Meyer, Zahnklinik-Direktor an der Universität Greifswald und Präsident der Deutschen Gesellschadt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. „Die Rückenmuskeln müssten sich nach einem anstrengenden Ritt eigentlich erholen – aber das klappt nicht, wenn der Kiefer ungleichmäßig zubeißt.“ Die Folge sind Wirbelsäulen, die durch knallharte Muskeln immer schiefer gezogen werden, Rückenschmerzen, Migräne, steifer Sitz im Sattel.

Was hat der Kiefer mit dem Kreuz zu tun? „Wir betrachten das Kiefergelenk quasi als oberstes Gelenk der Halswirbelsäule“, sagt Kopp. Über die Hirnhäute, die am Übergang zum Schädel zur Wirbelsäule verwachsen sind, ziehen sich Spannungen im Kopf wie zu einem langen Schlauch durch den ganzen Körper und enden am Steiß. Das heißt auf Deutsch: Wer oben verbissen reitet, kann nicht locker im Rhythmus von Trab und Galopp schwingen, sitzt sich seinen Rücken mürbe, seine Hilfen diffus und sein Pferd schief.

Deshalb fertigt er bei seinen Patienten Gipsabdrücke von Ober-und Unterkiefer. Diese montiert er in einen Simulator, misst, wo beim Beißen zwischen den Zahnreihen Lücken klaffen oder Spannungen auftreten und tüftelt an einem idealen, individuellen Bissmuster für genau diese beiden Kiefer und die zugehörige Wirbelsäule. Anschließend wird eine Kunststoffschiene modelliert, die Unregelmäßigkeiten beim Zubeißen zunächst ausgleicht.

Wer nachts mit den Zähnen knirscht, trägt die Schiene im Bett

„Parallel dazu muss der Patient zum Physiotherapeuten gehen, der die Spannung aus dem System nimmt. Nach jeder dieser Behandlungen kommt der Patient wieder zu mir. Ich passe die Schiene dem neuen, entspannteren Zustand der Muskeln, Sehnen und Bänder an, bis die Kauflächen optimal Kontakt haben.“

Am Ende ist er beschwerdefrei und trägt die Schiene meistens nur noch beim Sport oder bei Stress, wenn die Gefahr neuer Verspannungen wächst. Wer nachts heftig mit den Zähnen knirscht, trägt das Plastikteil im Bett.

„Es ist aber nicht mit normalen Knirscherschienen zu verwechseln, wie man sie schon seit 30 Jahren kennt, sagt Prof. Meyer. „Die sehen zwar gleich aus, schützen aber einfach nur die Zähne vor Schaden durchs Knirschen. Die Aufbisshilfe gleicht dagegen Unregelmäßigkeiten bei der Okklusion, also beim Zusammenbeißen aus und muss genau vermessen werden.“