Tiefer Rückenschmerz – Interdisziplinär betrachtet

Aug 12

Tiefer Rückenschmerz – Interdisziplinär betrachtet:

Kaum jemand, der nicht seine eigene Strophe singen könnte beim großen Klagelied über Rückenschmerzen. Denn Rückenschmerzen, besonders die im Lendenwirbel- und Kreuzbeinbereich, sind sehr unterschiedlich und haben – vielleicht etwa überspitzt formuliert – so viele verschiedene Ursachen wie es Betroffene gibt.

Rückenschmerzen stellen dabei keinesfalls ein sog. monokausales Geschehen dar nach dem Prinzip: Eine Ursache – eine Wirkung, auch wenn dies viele Patienten und Ärzte immer noch so sehen (wollen). Treten Rückenschmerzen auf, so spielen fast immer mehrere bis viele Faktoren eine Rolle. Gerecht werden kann man Rückenschmerzen nur, wenn man sie als somato-psycho-soziales Geschehen auffasst – und auch so behandelt. Zwar handelt es sich bei den körperlichen Anteilen für Rückenschmerzen meistens um ein orthopädisches bzw. neurochirurgisches Krankheitsbild, doch kann man Auslöser dafür auch in nahezu jeder anderen medizinischen Fachrichtung finden.

Spannungen erzeugen Schmerzen

Mit weitem Abstand am häufigsten werden Rückenschmerzen durch muskuläre Verspannungen und Fehlfunktionen ausgelöst. Diese sind sehr oft der körperliche Ausdruck für nicht bewusst wahrgenommene oder unterdrückte soziale oder psychische Spannungen. Solche Verspannungen und damit einhergehende Blockierungen tun zwar heftig weh, verschwinden aber in 90 Prozent innerhalb einer Woche wieder. Daher werden akute Rückenschmerzen meistens lediglich symptomatisch behandelt. Erst wenn die Schmerzen trotz konsequenter Therapie bestehen bleiben, erfolgt eine Ursachenabklärung. Unbedingt sollte sie auch dann durchgeführt werden, wenn die Schmerzen zwar rasch verschwinden, aber in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen wiederkehren. Häufig liegen dann hartnäckige Muskelverhärtungen, sog. Triggerpunkte, vor, die – wenn sie nicht aufgelöst werden – immer wieder Schmerzen auslösen.

Häufige degenerative Veränderungen, die bei Rückenschmerzen vorliegen können:

  • Verschleiß an Wirbelkörpern und Bandscheiben (Osteochondrose, Spondylose, Spondylosis deformans)
  • Verschleiß der kleinen Wirbelgelenke (Facettensyndrom)
  • Wirbelgleiten (Spondylolisthesis)
  • Verengung des Wirbelkanals (Spinalkanalstenose)
  • Verschleiß im Darmbein-Kreuzbein-Gelenk (Ileosakralgelenk-Arthrose)

Wenig Fälle, aber viele Ursachen

Nur in 10 bis 15 Prozent der Fälle werden akute Rückenschmerzen durch anatomische oder morphologische Veränderungen hervorgerufen. Diese können sowohl die bindegewebigen Strukturen, z. B. Bandscheibenvorwölbungen oder -vorfall, als auch die knöchernen Elemente, z. B. Wirbelkanalverengungen, Verschleiß der kleinen Wirbelgelenke, oder beides betreffen. Wobei – gar nicht selten – vor allem degenerative Veränderungen auch vorliegen können, ohne dass sie Schmerzen auslösen. Ihr Nachweis, z. B. im CT oder MRT, ist daher noch längst kein sicherer Beweis, dass sie auch tatsächlich die Schmerzen verursachen. Selbst ausgeprägte Befunde, wie z. B. Sinterungsbrüche der Wirbelkörper bei einer Osteoporose, verursachen manchmal – wenn keine Nerven betroffen sind oder keine entzündlichen Begleiterscheinungen vorliegen – erstaunlich wenige Beschwerden. Andererseits können Veränderungen der Knochenstruktur wie bei Osteoporose oder Osteomalazie (Verringerung der Knochendichte durch Vit. D-Mangel) durchaus auch schmerzauslösend sein. Vor allem, wenn die Knochenarchitektur durch Tumore oder Metastasen gestört ist, kann diese Ursache für sehr quälende Schmerzen sein.

Auslöser außerhalb der Wirbelsäule

Es gibt aber auch Fälle, in denen Rückenschmerzen ganz andere Ursachen haben, die man zunächst gar nicht in Betracht zieht. Erkrankungen des ableitenden Harnsystems, z. B. Nierenbeckenentzündungen, Nierensteine, Stauungsnieren oder Tumore der Niere und der Prostata können als Schmerzen im tiefen Rückenbereich empfunden werden. Gar nicht selten werden auch Darmerkrankungen – besonders schwerwiegend, wenn es sich um eine Dickdarmkrebs-Erkrankung handelt – monatelang als unspezifische Rückenschmerzen behandelt, bevor die eigentliche Ursache erkannt wird. Auch gynäkologische Erkrankungen im kleinen Becken werden oft als Rückenschmerzen wahrgenommen. Eine nach hinten geknickte und dort fixierte Gebärmutter, Myome (gutartige Muskelknoten in der Gebärmutterwand), eine Senkung der inneren Genitalorgane, eine Endometriose (versprengte Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutter) oder Entzündungen von Eileitern und Eierstöcken (Adnexitis) können sowohl akute als auch hartnäckige oder immer wiederkehrende Schmerzen im Lenden-Kreuzbeinbereich verursachen.

Selten, aber doch möglich

Bei der differentialdiagnostischen Betrachtung von Rückenschmerzen sollten auch seltenere Ursachen erwähnt werden. So können z. B. Erkrankungen von inneren Organen auch schon mal vorwiegend als Rückenschmerzen empfunden werden. Bekannt ist dies von Gallen- und Bauchspeicheldrüsenerkrankungen, aber auch von einer sog. Aortendissektion, einem teilweisen Einriss der großen Bauchschlagader, der u. U. heftige Schmerzen verursacht und ein akut lebensbedrohliches Ereignis ist. Nach Unfällen in der Vorgeschichte können sich auch verzögert auftretende Risse von Leber oder Milz, Blutergüsse oder ein Abszess hinter dem Bauchfell sehr selten hinter dem Hauptsymptom Rückenschmerzen verbergen. Es gibt auch Patienten, bei denen erst eine Gebisssanierung Linderung ihrer Rückenschmerzen brachte, das heißt, u. U. können auch Zahnfehlstellungen für Rückenschmerzen verantwortlich sein.

Patienten müssen aktiv bleiben bzw. werden

Rückenschmerzen verursachen immer noch die meisten krankheitsbedingten Arbeitsausfälle und bei Rehabilitationsmaßnahmen stellen Rückenbeschwerden den größten Kostenfaktor dar. Man muss daher konstatieren, dass die bisherige klassische medizinische Sichtweise bei Rückenschmerzen deutlich an ihre Grenzen gestoßen ist. Nötig ist eine geänderte Betrachtungsweise von allen Beteiligten. Nur wenn über alle Fachgrenzen hinaus Rückenschmerzen von Anfang an als somato-psycho-soziales Geschehen behandelt werden und alle auslösenden Faktoren gemeinsam betrachtet werden, kann man den Patienten gerecht werden. Nur so lässt sich auch die Zahl der Patienten reduzieren, bei denen Rückenschmerzen chronifizieren, wozu es z.Z. immerhin (noch) in jedem zehnten Fall kommt. Wichtig ist, unabhängig davon welche Faktoren im Einzelnen beteiligt sind, dass der Rücken in Bewegung bleibt bzw. die Beweglichkeit schnellstmöglich wieder hergestellt wird. Dazu bedarf es allerdings vielfach eines Umdenkens und der stärkeren Verbreitung von neuen interdisziplinären Therapieansätzen.

Bei der Behandlung von Rückenschmerzen kann die Zusammenarbeit folgender Fachbereiche erforderlich werden

  • Anästhesie
  • Angiologie
  • Chirurgie
  • Gynäkologie
  • Innere Medizin

  • Neurochirurgie
  • Neurologie
  • Onkologie
  • Orthopädie
  • Psychotherapie

  • Radiologie
  • Sozialmedizin
  • Sportmedizin
  • Urologie
  • Zahnmedizin

Quelle: von Sigrid Eberle aus ORTHOpress 2/2009