Verantwortung des OralMediziners in der Implantologie

Apr 05

Verantwortung des OralMediziners in der Implantologie

Eine Risiko-Nutzen-Abwägung bei chronisch belasteten Patienten

Verschiedene Faktoren (z.B. Diabetes, Osteoporose, Rauchen, Herz-Kreislauferkrankungen) können zu einer möglichen Verschlechterung der Implantat-Erfolgsrate führen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass eine implantatprothetische Versorgung betroffener Patienten generell kontra-indiziert ist. Vielmehr ist eine individuelle Risiko-Nutzen-Abwägung erforderlich.

Aufgrund der nachweislich guten Implantat-Erfolgsrate in einem reinen Risiko-Kollektiv sollte zukünftig nur noch von „Indikationseinschränkungen“ gesprochen werden. Auf den bisher in der Literatur häufig verwendeten Begriff der absoluten und relativen Kontraindikation sollte entsprechend verzichtet werden. Das individuelle Risiko muss von Fall zu Fall in einer Risiko-Nutzen-Abwägung bestimmt werden. Dabei kommt der interdisziplinären Kooperation nicht nur innerhalb der ZahnMedizin (Oralmediziner, Oralchirurgen, Kieferchirurgen), sondern auch in der Zusammenarbeit mit den behandelnden Kollegen anderer Fachdisziplinen, eine besondere Bedeutung zu.

Aufgrund der demoskopischen Entwicklung werden Implantat-Therapien auch bei älteren Patienten immer häufiger. Zwei zentrale Fragestellungen stehen bei diesen Patienten im Vordergrund:

Muss der Patient für eine Implantation ganz gesund sein?
Gibt es ein Höchstalter für Implantat-Patienten?

Es gibt Erkrankungen, die ein höheres Risiko darstellen können. Dazu gehören Diabetes, Osteoporose und schwere Herz-Kreislauferkrankungen. Im Einzelfall muss hier eine Risiko-Nutzen-Abwägung in Kooperation mit allen behandelnden Ärzten des Patienten und dem Oralmediziner erfolgen. So wird z.B. einem Patienten. der unter chronischen Magen-Darm-Problemen leidet, sicher nicht von der Implantation abgeraten werden. Hier ist der Erhalt einer guten Kaufähigkeit von besonderer Bedeutung, da eine für den Magen-Darm-Trakt notwendige, ballaststoffreiche Kost diese fordert.

Auch die Frage nach einem Höchstalter für Implantat-Patienten, also die Frage, ob sich der Eingriff noch lohnt, kann nicht generell beantwortet werden. Entscheidend ist nicht das nominelle Alter, sondern das biologische.

Die Implantation bei einem 50-jährigen Patienten nach Organverpflanzung stellt i.d.R. ein höheres Risiko dar als das nominelle Alter von 80 Jahren bei einem rüstigen Patienten mit guter Knochenstruktur. Auch hier ist also eine individuelle Betrachtung notwendig.

Überblick über mögliche Einschränkungen

1. Diabetes mellitus

Medikamentös gut eingestellter Diabetes mellitus stellt nach neuester, wissenschaftlicher Erkenntnis keine Einschränkung für eine Implantat-Versorgung dar.

2. Osteoporose

Die Osteoporose stellt keine grundsätzliche Kontra-Indikation für Implantat-Therapien dar. Die Behandlungsplanung sollte allerdings auf die Erkrankung abgestimmt und ggf. Implantate mit einem größeren Durchmesser und einer vorbehandelten Oberfläche verwendet werden.

3. Vitamin D-Mangel

Durch Vitamin D- und Magnesiummangel induzierte Osteoporose kann, zumindest in Tierversuchen, durch entsprechende Supplementierungen kompensiert werden. Hier sind der Oral-Mediziner und ggf. die im Netzwerk der Praxis befindlichen, ganzheitlich tätigen Therapeuten gefordert.

4. Polymorphismus

Genetisch bedingte Interleukin-1 Polymorphismen sind nicht alleinig für eine gestörte Einheilung von Implantaten verantwortlich. Studienergebnisse zeigen aber, dass bei starken Rauchern mit einem IL-1 Genpolymorphismus ein erhöhtes Risiko für Implantat-Komplikationen während funktioneller Belastung und für einen peri-implantären Knochenverlust besteht.

5. Rauchen

Rauchen stellt in Verbindung mit systemischen Erkrankungen noch immer eine Verlängerung der Einheilungsphase dar. Eine Kontra-Indikation besteht nicht.

6. Alter

Einer Implantat-Versorgung von alten Patienten mit medikamentös eingestellten chronischen Erkrankungen steht kein erhöhtes Risiko entgegen. Hier überwiegen die Vorteile einer verbesserten Lebensqualität und der Erhaltung der kaufähigkeit deutlich.

7. Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Herz-Kreislauf-Erkrankungen bedeuten keine Kontra-Indikation für eine erfolgreiche Implantat-Behandlung. Allerdings ist eine erhöhte Vorsicht, besonders bei der Einnahme von Blutverdünnern, notwendig. Moderne Anti-Koagulantien ermöglichen heute eine uneingeschränkte Behandlung ohne Thromboserisiko.

8. Parodontitis chronica

Eine unbehandelte Parodontitis chronica ist eine Kontra-Indikation für die Implantation. Vor einer geplanten Implantat-Behandlung muss eine Parodontitis unabdingbar abschließend behandelt worden sein. Implantate im Mund eines Parodontitis-Patienten erfordern eine lebenslange, intensive Nachsorge. Implantate sind in gleichem Maße durch Entzündungen und nachfolgenden Knochenabbau gefährdet wie natürliche Zähne, wobei Krankheitszeichen am Implantat deutlich später für den Patienten sichtbar werden als am natürlichen Zahn.

9. Hormone

Bei Frauen in der Postmenopause haben Hormonersatztherapien keinen Einfluss auf die Einheilung und die Osseointegration.

10. Bisphosphonate

Für eine erfolgreiche Implantatbehandlung bei Patienten, die mit Bisphosphonaten behandelt werden, ist für die Dauer der Bisphospoinatbehandlung und die Darreichungsform der Medikamente (oral oder intravenös) entscheidend. Auch die unterschiedlichen Reaktionsweisen der Patienten spielen eine entscheidende Rolle für die Implantat-Behandlung. Um eine Kiefernekrose auszuschließen, werden etwa drei Monate nach einer Extraktion Röntgenbilder gemacht, die Aufschluss darüber geben, ob der Kieferknochen normal oder verzögert reagiert. Nur wenn der Kieferknochen verzögert regeneriert, sollte man mit einer Implantation zurückhaltend sein.

Auch eine Augmentation (Knochenaufbau) ist bei oraler Gabe von Bisphosphonaten möglich. Da die Einheilung verzögert ist, sollte man mit einer Belastung im Unterkiefer etwa fünf Monate (statt drei Monate) und im Oberkiefer etwa acht Monte (statt sechs Monate) warten. Die Einheilung sollte immer verdeckt geschehen. Allerdings gibt es zu diesem Thema viele unterschiedliche Meinungen. Einige Wissenschaftler sprechen sich für eine strikte Kontra-Indikation bei jeglicher Bisphosphonattherapie aus.

Diese Aufstellung zeigt, dass es keine wissenschaftliche Evidenz zu relativen oder absoluten Kontra-Indikationen einer Implantat-Behandlung bei Patienten mit chronischen Belastungen gibt.

Allerdings fordert eine erfolgreiche Implantat-Versorgung die kooperative, interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener, medizinischer Fachbereiche und setzt eine sorgfältige und regelmäßige Nachsorge voraus. Aus Sicht der oralen Medizin sind sowohl Prophylaxe als auch Milieu-Therapie unabdingbar für einen nachhaltigen Erfolg einer Implantat-Behandlung. Wichtigste Voraussetzung für die lange Haltbarkeit von Implantaten ist eine perfekte Mundhygiene. Daher müssen die Patienten über den Zusammenhang von Plaquebildung und der Peri-Implantitis informiert werden. So wird die Motivation zur regelmäßigen Prophylaxe und guten Mundhygiene gesteigert. Eine Milieu-Therapie stärkt die körpereigenen Abwehrkräfte und verhindert so, dass Bakterien das Implantatbett angreifen.

Ein abwehrstarker Körper hilft, eine Mucositis oder Peri-Implantitis zu vermeiden. Der verantwortungsvolle Oral-Mediziner sieht sich verpflichtet, vor einer Implantat-Behandlung, die Materialien zu testen. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass auch Titandioxid nicht absolut individuell biokompatibel ist. Oral-Mediziner bevorzugen deshalb heute das moderne Zirkondioxid als Implantat-Material.

Die High-Tech-Keramik ist eine gesunde Alternative – auch für alle Allergiker oder metallsensible Patienten. Verantwortungsvolle Oral-Mediziner können also in den allermeisten Fällen auch chronisch belasteten Patienten mit Implantaten eine lebenslange Kaufähigkeit garantieren und so nachhaltig eine verbesserte Lebensqualität ermöglichen.