Verantwortungsvolle Betreuung von Patienten mit Multiple Chemical Sensitivity (MCS) in der Ganzheitlichen ZahnMedizin

Jul 10

Verantwortungsvolle Betreuung von Patienten mit Multiple Chemical Sensitivity (MCS) in der Ganzheitlichen ZahnMedizin:

Patienten mit MCS stehen immer häufiger in zahnärztlichen Materialien die Ursache ihrer vielfältigen Beschwerden. Da bisher keine Therapieempfehlungen dieser Patienten für Zahnärzte vorliegen, ist Ziel dieses Beitrags eine kurze Vorstellung des MCS-Syndroms und möglicher zahnmedizinischer Behandlungen.

Die Definition von M. R. Cullen (1992) beschreibt Multiple Chemical Sensitivity (MCS) als eine „dauernde Überempfindlichkeit auf Schadstoffe (Chemikalien). Die Wirkstoffkonzentrationen (Expositionen) liegen weit unter denen, die in der übrigen Bevölkerung toxische Effekte auslösen.“

Das bedeutet, dass für MCS-Patienten die „normalen“ Grenzwerte für Chemikalien oft nicht ausreichen. Schon unterhalb von Chemikalienkonzentrationen, die von anderen Menschen oft problemlos toleriert werden, können bei MCS-Patienten Beschwerden auftreten. Frauen sind von MCS häufiger betroffen als Männer, häufig im Alter zwischen 38 und 50 Jahren. Deutliche Unterschiede gibt es bei den betroffenen Berufsgruppen. Am häufigsten leiden Büroangestellte, aber auch Lehrer und Techniker an MCS. Als mögliche Faktoren für das häufige Auftreten von MCS innerhalb dieser Berufsgruppen werden Belastungen der Räume durch z. B. Allergene, Fein- und Schwebstäube, Gase (z.B. Formaldehyd), Dämpfe und Luftfeuchtigkeit, Laserdrucker, Lösungsmittel und elektromagnetische Wellen aber auch psychische Faktoren, wie berufliche Unzufriedenheit diskutiert.

MCS wird durch unterschiedlichste Symptome charakterisiert.

Diese Symptome liegen meist im Kopfbereich. Sie reichen von Kopfschmerzen, Tagesmüdigkeit und Konzentrationsschwäche über Augenbrennen und Hörverlust bis zu Appetitmangel, Geruchsempfindlichkeit und Depressionen. Auffallend viele MCS-Patienten leiden unter Erschöpfung und somatoformen Störungen, für die es keinen ausreichenden körperlichen Befund gibt. Seelische Störungen sind bei MCS-Patienten sehr häufig.

Das Kernproblem einer gesicherten Diagnostik ist die mangelnde Objektivierbarkeit. In aller Regel wird eine Ausschlussdiagnostik durchgeführt. MCS erfordert immer ein interdisziplinäres Vorgehen bei der Diagnosestellung und bei der Therapie. Eine ausführliche, umweltmedizinisch orientierte Expositionsanamnese sowie eine sorgfältige körperliche, labormedizinische und allergologische Untersuchung sollten selbstverständlich sein. So können wertvolle Hinweise auf die Krankheitsursache, die individuelle Exposition gegenüber möglichen Belastungsfaktoren sowie Substanzen, auf die der Patient besonders empfindlich reagiert, gewonnen werden.

Es geht darum, herauszufinden, welche Expositionen ursächlich für die Beschwerden des MCS-Patienten verantwortlich sind. Zur Diagnosestellung bei MCS gehören auf jeden Fall eine klassische internistische und neurologische Untersuchung. Eine zusätzliche fachärztliche psychiatrisch-psychosomatische Untersuchung wird wegen der häufigen psychischen Mitbeteiligung empfohlen. Zahnmedizinische Belastungen wie Materialien oder pulpatote Zähne mit insuffizienten Obturationen werden von MCS-Patienten und Therapeuten zunehmend als Ursache ihrer Beschwerden angesehen. Hier sind ganzheitlich tätige ZahnMedizinerr besonders gefordert.

Hinzu kommt, dass MCS-Patienten, aus Angst vor einer Beschwerdeauslösung durch zahnmedizinische Materialien, Behandlungen ablehnen und deshalb zahnmedizinisch häufig unterversorgt sind. Eine sorgfältige Beratung der Patienten ist selbstverständlich. Diese sollte von Empathie und Verständnis für den Patienten geprägt sein. Häufig wurden MCS-Patienten bei Ärzten anderer Fachrichtungen nicht ernst genommen und müssen eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung neu aufbauen. Hier gilt es eine verantwortungsvolle Balance zwischen Overtreatment und Undertreatment zu finden und zu halten.
So sollten zum einen unnötige Entgiftungsmaßnahmen oder Ausleitungen oder etwa Ausfräsungen des Kieferknochens zur Entfernung von abgelagertem Amalgam unbedingt vermieden werden. Es sollte die zahnärztliche Behandlung auf das unbedingt Notwendige beschränkt werden, um eine subjektive Verschlechterung des Beschwerdebilds möglichst zu vermeiden. Zum anderen darf aber auf keinen Fall die häufig auftretende Unterversorgung des Patienten weiterhin geduldet werden. Für den verantwortungsbewußten ganzheitlich tätigen Zahnarzt steht deshalb eine zahnmedizinisch klare Diagnosekonzeption an erster Stelle.

Nach einer umfangreichen Anamnese stehen dem ganzheitlich tätigen Zahnarzt neben den klinischen und röntgenologischen Untersuchungen neue umweltzahnmedizinische Analysemethoden zur Verfügung. In spezialisierten Laboratorien kann der ganzheitlich tätige Zahnmediziner verschiedene Tests zu Belastungsursachen und zur Verträglichkeit von Dentalwerkstoffen durchführen lassen. Dazu entnimmt er dem belasteten Patienten Speichel- oder Blutproben. Auch Verträglichkeitstests bereits im Mund befindlicher Materialien sind möglich. Zum verlässlichen Diagnosemittel mit einer äußerst hohen Präzision hat sich die Splittertestmethode entwickelt. Bei dieser Methode reichen kleinste Mengen („Stäubchen“) der sich im Mund befindlichen Restaurationen für eine genaue Analyse. Dazu werden mit einem kleinen metallfreien Schleifkörper Metallspuren auf der Rückseite der Krone abgetragen und zur Analyse eingeschickt. Die raue Stelle lässt sich anschließend problemlos polieren.

Ob ein Dentalmaterial für die klinische Symptomatik ursächlich ist, wird über die Effektorzelltypisierung gemessen. Dabei wird die durch das Allergen stimulierte Ausschüttung proentzündlicher Zytokine gemessen. Diese Immunologie-Tests können auch Hinweise auf Belastungen durch pulpatote Zähne geben. Auch nicht restlos gereinigte, pulpatote Zähne können ein Herdgeschehen auslösen und Ursache vielfältiger Beschwerden sein. Auch kleinste und verdeckte chronische Entzündungsherde im Zahn- und Kieferbereich können mit der digitalen Volumentomographie (DVT) heute präzise und strahlungsarm diagnostiziert werden.

Eine umfassende medizinische Dokumentation sollte neben den durchgeführten Behandlungsmaßnahmen auch Gespräche mit Co-Therapeuten enthalten. Konnte durch sämtliche Untersuchungen erhärtet werden, dass die Beschwerden des Patienten maßgeblich von dentalen Werkstoffen herrühren, müssen diese aus der Mundhöhle entfernt werden. Anschließend können die für den Patienten ausgetesteten, individuell am besten verträglichen Zahnersatzmaterialien gewählt und eingebracht werden. Eine restaurative Behandlung sollte ausschließlich nach vorangegangener Austestung mit besonders biokompatiblen Materialien durchgeführt werden. Hier empfiehlt sich der Einsatz von nicht-metallischen Werkstoffen. Wurde ein pulpatoter Zahn als Auslöser der Beschwerden identifiziert, kann der ganzheitlich tätige Zahnarzt durch die moderne Methode der Endodontie den Zahn heute häufig dennoch retten. Voraussetzung hierfür ist eine vollständige Entfernung von Geweberesten, Bakterien, belastenden Stoffen und ggf. Resten alter Wurzelfüllungen. Modernste Techniken und gezielte Laser- und Plasma-Behandlungen machen dies möglich. Schließlich können auch hier, nach vorheriger Austestung, biologische Wurzelfüllmaterialien zur Gesundung der belasteten Patienten beitragen.

Abschließend möchte ich betonen, dass Multiple Chemical Sensitivity nur im Netzwerk diagnostiziert und therapiert werden kann.